Schriftliche Anfrage

Postkolonialismus in Berliner Museen (II): Rückgaben

Schriftliche Anfrage

der Abgeordneten Clara Herrmann (GRÜNE)

vom 07. Juli 2015 (Eingang beim Abgeordnetenhaus am 08. Juli 2015) und Antwort

Postkolonialismus in Berliner Museen II: Rückgaben

Im Namen des Senats von Berlin beantworte ich Ihre
Schriftliche Anfrage wie folgt:

Die Schriftliche Anfrage betrifft Sachverhalte, die der
Senat nicht aus eigener Zuständigkeit und Kenntnis beantworten
kann. Er ist gleichwohl bemüht, Ihnen eine
Antwort auf Ihre Anfrage zukommen zu lassen und bat
daher die Stiftung Preußischer Kulturbesitz um eine Stellungnahme,
die in die Beantwortung eingeflossen ist.

1. Die internationalen Richtlinien und Erklärungen
fordern die Museen der Welt dazu auf, mit den Herkunftsgesellschaften
dieser „sensitive materials“ in einen
Dialog zu treten und dabei die Rückgabe heiliger Objekte/
Ritualgegenstände und menschlicher Gebeine anzubieten,
die „diesen Völkern ohne ihre freiwillige und in
Kenntnis der Sachlage erteilte vorherige Zustimmung
oder unter Verstoß gegen ihre Gesetze, Traditionen und
Bräuche entzogen“ wurden. (Art. 11/2 der Erklärung der
Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker,
2004). Gab und gibt es heilige Objekte/Ritualgegenstände
und menschliche Gebeine außereuropäischer Gesellschaften
im Besitz der SPK-SMB, auf die diese Beschreibung
zutrifft und welchen Herkunftsgesellschaften wurden
bislang Rückgaben von sensiblen Objekten angeboten?
(bitte vollständig auflisten)

Zu 1.: In den Sammlungen des Ethnologischen Museums
werden die bewahrten Objekte nicht als „heilige
Objekte/Ritualgegenstände“ oder „sensitive materials“
kategorisiert. Bei Anfragen zum Verbleib derartiger Kulturgüter
wird deshalb nicht nach diesen Kategorien unterschieden. Sowohl die Erklärung der Vereinten Nationen über die
Rechte der indigenen Völker aus dem Jahr 2007 (Artikel
11.2) als auch Artikel 4.4 der „Ethischen Richtlinien für
Museen“ (Code of Ethics) des International Council of
Museums (ICOM) empfehlen, Mechanismen vorzusehen,
die den Dialog mit den Herkunftsgesellschaften über die
Rückgabe fördern und die Rückgabe von Objekten einhalten
können. Diese Dialogbereitschaft hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mehrfach betont. Sie kommt
auch in den im März 2015 beschlossenen „Grundpositionen
der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zum Umgang
mit menschlichen Überresten in den Sammlungen der
Staatlichen Museen zu Berlin“ (siehe Anlage) zum Ausdruck.
Die vom Museum für Vor- und Frühgeschichte
(MVF) übernommene anthropologische „Luschan-
Sammlung“ der Charité wird wissenschaftlich aufgearbeitet.
Solange keine Ergebnisse der Provenienzforschung,
insbesondere zu den Herkunftsgesellschaften vorliegen,
können auch keine Rückgaben durchgeführt werden. Es
liegen bisher auch keine Rückgabeforderungen zu dieser
Sammlung vor.

2. Welche Kulturobjekte, die während der kolonialen
Fremdherrschaft des Deutschen Reiches oder anderer
europäischer Mächte nach Berlin verbrachten wurden,
sind aufgrund der bislang erfolgten Recherchen den Herkunftsgesellschaften
bzw. -staaten zur Rückgabe angeboten
und welche sind tatsächlich zurückgegeben worden?
Für welche Kulturobjekte dieser Kategorie sind Rückgabeforderungen
der Herkunftsgesellschaften bzw. -
staaten erhoben und von der SPK-SMB abgelehnt worden
(bitte einzeln auflisten)?

3. Gemäß dem ICOM Code of Ethics soll proaktiv
auf außereuropäische Herkunftsländer und -gesellschaften
zugegangen werden, wenn sich Hinweise auf einen kolonialen
Unrechtskontext beim Erwerb von Objekten ergeben
haben. Inwiefern sieht sich das Land Berlin hier in
der Mitverantwortung, die Inkenntnissetzung der jeweiligen
Herkunftsländer und -gesellschaften und ggf. eine
Rückgabe von Objekten zu unterstützen und wie läuft die
Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt in diesem
Gebiet ab? Gibt es Pläne bezüglich einer Rückführung
von sensiblen bzw. unrechtmäßig erworbenen Objekten,
auch auf eigene Initiative der SPK/SMB? Wenn ja, um
welche Objekte handelt es sich und wie ist der Prozess
ausgestaltet?

4. Wie viele und welche Rückgaben wurden durchgeführt
seit 2010 durchgeführt (bitte nach Jahren und Objekte
aufschlüsseln, unter Angabe ob Rückgabeforderung der
Herkunftslandes/Herkunftsgesellschaft oder Rückgabe auf
Eigeninitiative beruhte)? Wurde darüber hinaus auch
Initiative ergriffen und die Rückgabe von Objekten angeboten,
wenn ja welche?

Zu 2.- 4.: Teil der laufenden Provenienzforschungsprojekte
in allen Sammlungen der Staatlichen Museen zu
Berlin ist auch die Erfassung von Sammlungsbeständen
aus kolonialen Kontexten. Entscheidend sind dabei der
Kontakt mit den Herkunftsgesellschaften und die gemeinsame
Arbeit an diesen Zeugnissen der Geschichte. Der
Senat hat bereits in seiner Antwort auf die Kleine Anfrage
Nr. 17/12 360 darauf hingewiesen, dass nicht alle Sammlungsbestände,
die in der Kolonialzeit erworben wurden,
zweifelhaft oder unrechtmäßig in die Bestände der Staatlichen
Museen zu Berlin gelangt sind. Da die Aufarbeitung der betreffenden Sammlungsbereiche
für die Präsentation im Humboldtforum noch nicht
abgeschlossen sind, können konkrete Objekte, die einen
kolonialen Unrechtskontext aufweisen, derzeit noch nicht
angeführt werden. Sobald hierzu gesicherte Erkenntnisse
vorliegen, wird die Stiftung Preußischer Kulturbesitz
diese – wie bisher - transparent und öffentlich zugänglich
machen. Soweit sich Provenienzen nicht vollständig aufklären
lassen oder die Provenienzforschung ergibt, dass
die Erwerbung im Unrechtskontext erfolgt ist, wird –
auch im Dialog mit den Herkunftsgesellschaften, der
künftige Umgang mit diesen Objekten erarbeitet werden.
Im Übrigen wird auf die „Grundpositionen der Stiftung
Preußische Kulturbesitz zum Umgang mit ihren
außereuropäischen Sammlungen und zur Erforschung der
Provenienzen“ Beständen vom Juni 2015 verwiesen.
Ich erinnere in diesem Kontext auch an die Antwort
auf die Schriftliche Anfrage Nr. 17/13 215.
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist eine Einrichtung
des Bundes. Die Bundesregierung hat deshalb u.a.
am 05.01.2015 zur Rückgabe von Objekten aus ehemaligen
deutschen Kolonien Stellung genommen (Drs.
18/3711 des Deutschen Bundestages)

Berlin, den 22. Juli 2015
Der Regierende Bürgermeister
In Vertretung
Björn Böhning
Chef der Senatskanzlei

 

Im Anhang finden Sie die Grundposition der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zum Umgang mit menschlichen Überresten in den Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin