Schriftliche Anfrage

Postkolonialismus in Berliner Museen I: Provenienzforschung

Schriftliche Anfrage
der Abgeordneten Clara Herrmann (GRÜNE)
vom 07. Juli 2015 (Eingang beim Abgeordnetenhaus am 08. Juli 2015) und Antwort

Postkolonialismus in Berliner Museen I: Provenienzforschung

Im Namen des Senats von Berlin beantworte ich Ihre
Schriftliche Anfrage wie folgt:

Die Schriftliche Anfrage betrifft Sachverhalte, die der
Senat nicht aus eigener Zuständigkeit und Kenntnis beantworten
kann. Er ist gleichwohl bemüht, Ihnen eine
Antwort auf Ihre Anfrage zukommen zu lassen und bat
daher die Stiftung Preußischer Kulturbesitz um eine Stellungnahme,
die in die Beantwortung eingeflossen ist.

1. Die Ethischen Richtlinien des Weltmuseumsbundes
ICOM von 2004 und die UN-Erklärung über die
Rechte der indigenen Völker 2007 verpflichten die Museen
der Welt zu einem besonders respekt-vollen Umgang
mit Exponaten, die als „sensible Objekte“ (sensitive materials)
bezeichnet werden. Unter diesem Begriff sind die
heiligen Objekte bzw. Ritualgegenstände (z.B. Throne,
Zepter, Götter- und Grabfiguren) und die menschlichen
Gebeine von Gesellschaften gefasst, die zumeist im Zusammenhang
mit ihrer Kolonisierung wesentliche Teile
ihres kulturellen Erbes vor allem an westliche Museen
und Sammlungen verloren haben. Wie viele heilige Objekte/
Ritualgegenstände und menschliche Gebeine außereuropäischer
Gesellschaften befinden sich im Besitz der
Stiftung Preußischer Kulturbesitz – Staatliche Museen
Berlin? (bitte Anzahl getrennt nach heilige Objekte/
Ritualgegenstände und menschliche Gebeine angeben)

Zu 1.: Die Erklärung der Vereinten Nationen über die
Rechte indigener Völker von 2007 (declaration of the
rights of indigenous people) bezieht sich in Artikel 12 auf
„ceremonial objects and human remains“. Die Ethischen
Richtlinien für Museen des International Council of Museums
(ICOM) sprechen von “human remains and materials
of sacred significance” (Artikel 4).
In den Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin
(SMB) werden die bewahrten Objekte nicht als „heilige
Objekte/Ritualgegenstände“ oder „sensitive materials“
kategorisiert. Daher kann auch nicht angegeben werden,
wie viele solcher Objekte sich im Besitz der Staatlichen
Museen zu Berlin befinden. Zudem sind sogenannte heilige
Objekte und Ritualgegenstände voneinander zu unterscheiden
bzw. zu definieren. Ein Tanz ist ein Ritual, aber
der Tanzschurz muss kein heiliges Objekt sein. Auch
kann ein Objekt in seiner Geschichte seine Bedeutung
innerhalb der Herkunftsgesellschaft wechseln und seinen
Status als Ritualgegenstand verlieren. Darüber hinaus sind
Ritualgegenstände und heilige Objekte Kategorien der
westlichen Kultur, die nicht ohne Bedenken übertragbar
sind.
Im Museum für Vor- und Frühgeschichte (MVF) wurde
mit der Inventarisierung und Zusammenführung der
vorhandenen Informationen zu der von der Charité übernommenen
„Luschan-Sammlung“ begonnen, die aus ca.
8.000 Schädeln und Gebeinen besteht. Auf dieser Basis
wird in einem zweiten Arbeitsschritt ab Jahresende 2015
mit der Festlegung konkreter Forschungsvorhaben und
der Erarbeitung eines Antrages für die Einwerbung erforderlicher
Drittmittel begonnen.

2. Artikel 4.5. des ICOM Code of Ethics empfiehlt
den Museen, nur Objekte auszustellen, deren Herkunft
eindeutig geklärt und unverdächtig ist. Kann die Provenienz
aller ausgestellten außereuropäischen Objekte der
SPK-SMB im Sinne des ICOM Code of Ethics als geklärt
und unverdächtig betrachtet werden? Wenn nicht, bei wie
vielen der ausgestellten Objekte muss die Provenienz
noch zweifelsfrei geklärt werden?

Zu 2.: Die Ethischen Richtlinien für Museen des ICOM
sehen in Artikel 4.5 eine vollständige Dokumentation
seit der Entdeckung oder Herstellung des Objektes
vor. Dies ist bei der überwiegenden Zahl der ca. 500.000
Objekte in den Sammlungen der SMB nicht möglich, da
entsprechende Informationen nie gesammelt wurden und
deshalb nicht vorliegen. Im Sinne der Ethischen Richtlinien
für Museen werden die Sammlungen aber versuchen,
die Provenienzgeschichte der eigenen Bestände zu klären
(Artikel 3.4): “In exceptional cases an item without provenance
may have such an inherently outstanding contribution
to knowledge that it would be in the public interest
to preserve it.“ In Ihren kürzlich veröffentlichten „Grundpositionen
zum Umgang mit ihren außereuropäischen Sammlungen
und zur Erforschung der Provenienzen“(siehe Anlage) hat
die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) ihre Aufgaben
wie folgt festgelegt: „Allen Einrichtungen … geht es,
als Teil ihres wissenschaftlichen Auftrages, auch um die
Erforschung der Entstehungsgeschichte und Herkunft
ihrer Sammlungen und der einzelnen darin enthaltenen
Bestände und Objektgruppen. Dies gilt selbstverständlich
auch für die umfangreichen und vielseitigen Sammlungen,
die nicht aus einem europäischen Kontext stammen.
Allerdings liegen nicht für alle Objekte Informationen
vor. So wurden nicht in allen Phasen der Sammlungsgeschichte
die Erwerbungsumstände umfassend dokumentiert
und Unterlagen archiviert, da sich die Beweggründe
für das Anlegen von Sammlungen und die wissenschaftliche
Methodik im Verlauf der Jahrzehnte verändert haben.
Auch durch historische Ereignisse wie den Ersten und
Zweiten Weltkrieg hat es einen großen Wissensverlust für
deutsche Museums- und Sammlungsdokumentationen
gegeben.
Aufgrund der Vielzahl und der Verschiedenartigkeit
der Objekte in den Sammlungen der Staatlichen Museen
zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, ist es nicht möglich,
alle Provenienzen kurzfristig und umfassend aufzuarbeiten
und zu klären. Die Geschichte der ab 2019 im Humboldt-
Forum präsentierten Objekte wird jedoch vorrangig
untersucht. Bei der Erforschung dieser Exponate werden
die verschiedenen historischen und gesellschaftlichen
Bedingungen, unter denen die Objekte in die Sammlungen
kamen, sichtbar. Dies betrifft sowohl die Beziehungen
innerhalb Europas als auch die zwischen Europa und
den Herkunftsgebieten und nicht zuletzt lokale Verflechtungen
in den Herkunftsregionen.

3. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur
und Medien, Staatsministerin Monika Grütters, hat am 5.
Januar 2015 (BT Anfrage 4, Özcan Mutlu, Drucksache
18/3711) mit Hinsicht auf die SPK-SMB versichert, dass
„alle Erkenntnisse der Provenienzrecherche […] transparent
gemacht“ und „in den Sammlungen der SPK/SMB
keine unrechtmäßig in sie gelangten Bestände bewahrt
werden sollen, unabhängig davon, aus welchen Zeitschichten
sie stammen“. Sie hat sich dabei auch ausdrücklich
auf „Objekte, die aus kolonialen Unrechtskontexten
stammen“ bezogen. Teilt der Berliner Senat diese Position
zur Unrechtmäßigkeit des Erwerbs bzw. der Aneignung
von Kulturobjekten in kolonialen Kontexten

Zu 3.: Der Senat schließt sich der Auffassung der Beauftragten
der Bundesregierung für Kultur und Medien
und des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz
an. Im Übrigen wird auf die „Grundpositionen der Stiftung
Preußischer Kulturbesitz zum Umgang mit ihren
außereuropäischen Sammlungen und zur Erforschung der
Provenienzen“ (siehe Anlage) verwiesen: „Die Ergebnisse
dieser Forschung werden weiterhin in Veröffentlichungen
(etwa Ausstellungskatalogen und wissenschaftlichen
Publikationen) in Ausstellungen und online zugänglich
gemacht. Außerdem sollte geprüft werden, ob Objekte
geeignet sind, problematische historische Zusammenhänge
zu veranschaulichen, gerade auch solche aus der Kolonialzeit.“

4. Wie aus der Antwort auf die Anfrage 17/12360
hervor geht, befinden sich im Besitz der Stiftung Preußischer
Kulturbesitz zahlreiche Kulturgüter, welche im
Zuge der kolonialen Fremdherrschaft des Deutschen Reiches
über das heutige Tansania, Burundi, Ruanda, Namibia,
Kamerun, Togo, Papua-Neuguinea, Samoa, Teile
Mikronesiens und Jiāozhōu nach Berlin kamen (ca.
30.000 Objekte aus Afrika, etwa 30.000 Kulturgüter aus
Ozeanien sowie 800 Exponate aus Ostasien). Laut Auskunft
des Senats haben „zu einer ganzen Reihe von
Sammlungsteilen und Bestandsgruppen, die vor 1945 in
das Ethnologische Museum gelangt sind“ bereits systematische
Provenienzrecherchen stattgefunden. Allerdings
konnte der Senat weder am 29. Juli 2013 (Drucksache
17/12360) noch am 04. März 2014 (Drucksache
17/13215) über die Ergebnisse dieser Recherchen Auskunft
geben. Ist der Senat mittlerweile in der Lage, über
die Ergebnisse der bisherigen Provenienzrecherchen zu
informieren und kann er eine erste Aufschlüsselung zu
den bereits untersuchten Objekten vorlegen? Wenn ja,
bitte vorlegen (wenn möglich mit Angaben (geschätzter)
Sachwert der Objekte, Herkunftsort, Zeitpunkt der Erwerbung
durch den Sammler und durch das Museum, Herkunftsgesellschaft
und Name des Sammlers); wenn nicht,
wann und wo werden die Ergebnisse der Provenienzrecherche
öffentlich gemacht?

Zu 4.: Über die Ergebnisse der bisher durchgeführten
Provenienzforschungen liegen zahlreiche Veröffentlichungen
vor, von denen beispielhaft folgende zu nennen
sind:
• Fischer, Manuela 2014. Konrad Theodor Preuss: las
esculturas de San Agustín y el “archivo de la humanidad”.
In: XVII Cátedra de Historia Ernesto Restrepo
Tirado. San Agustín: materia y memoria viva hoy.
Bogotá: ICANH et al., S. 179-195.
• König, Viola: „Deutsche im Nordpazifik. Beiträge zur
Entdeckung und Erfor-schung des nordpazifischen
Raumes: Johann Adrian Jacobsen. Capitain Jacobsen's
Reise an der Nordwestküste Amerikas 1881-1883“, in
Bernhard Fabian. Hildesheim, Zürich, New York. Einleitung:
V-XX. (Nordwestküste), 2013.
• König, Viola. Adrian Jacobsen’s Dena’ina Collection
in the Ethnologisches Museum Berlin. In: Dena'inaq'
Huch'ulyeshi – The Dena’ina Way of Living. Edited
by Suzi Jones et al., Anchorage Alaska, 2013
• König, Viola. „Kartographische Kommunikation,
räumliche Organisation und ihre Darstellung im vorspanischen
Mexiko und in der frühen Kolonialzeit“.
In: Die Zukunft der Kartographie: Neue und nicht so
neue epistemologische Krisen. Hrsg. von Marion Picker,
Véronique Maleval, Florent Gabaude. Transcript
Bielefeld: 159-176, 2013.

• König, Viola. „Welten in Bewegung: Das Ethnologische
Museum im Humboldt-Forum“. In: Das Humboldt-
Forum im Berliner Schloss. Planungen - Prozesse
- Perspektiven. Firmer Verlag 2013: 82-97, 2014.
• König, Viola, et. al. Northwest Coast Representations:
New Perspectives on His-tory, Art and Encounters
(Englisch) Taschenbuch – November 2014.
• König, Viola. „Ethnologisches Museum. Neue Perspektiven
auf und aus Afrika, Amerika, Asien, Australien
und Ozeanien“. In: Museumsjournal 1/2014. Berlin
und Potsdam: 20-23, 2015.
• König, Viola. “Multidisciplinary Fieldwork in Oaxaca”
und König, Viola und Sel-len, Adam, “Using
Nineteenth-Century Data in Contemporary Archaeological
Studies: The View from Oaxaca and Germany”
in: Bridging the Gaps- Integrating Archaeology and
History in Oaxaca, Mexico; A Volume in Memory of
Bruce E. Byland. Danny Zboroverand, Peter Kroefges,
eds. (University Press of Colorado, Bolder, 2015) 83-
96; 391-410.
• Nahser, Siegmar: Zur Geschichte der Berliner Okinawa-
Sammlung, (in: Hand-out zur Ausstellung OnOkinawa),
Berlin, SMB/AKU/EM, 2015.
• Schindlbeck, Markus: Gefunden und verloren, Staatliche
Museen zu Berlin – SPK, 2012.
• Schindlbeck, Markus: Unterwegs in der Südsee. Staatliche
Museen zu Berlin – SPK, 2015.
• Schindlbeck, Markus: "Geraubte Schatten" und "exotische
Laufbilder" : zur Geschichte der photographischen
Sammlungen und des Filmarchivs im Ethnologischen
Museum, Staatliche Museen zu Berlin. In:
Baessler-Archiv: Beiträge zur Völkerkunde. Berlin:
Reimer. Bd. 61.2014, S. 79-86, 2014.
• Schindlbeck, Markus: Das Berliner Museum für Völkerkunde
und seine Mitarbeiter 1933 - 1945. In: Zwischen
Politik und Kunst: Die Staatlichen Museen zu
Berlin in der Zeit des Nationalsozialismus. Köln
[u.a.]: Böhlau, S. 369-385, 2013.
• Schindlbeck, Markus: Human Remains zwischen
Politik und Ahnenverehrung. In: Holger Stoecker,
Thomas Schnalke und Andreas Winkelmann (Hg.),
Sammeln, Erforschen, Zurückgeben? Menschliche
Gebeine aus der Kolonialzeit in akademischen und
musealen Sammlungen. Berlin: Links, S. 370-391,
2013.
• Von Poser, Alexis Themo: Das Segelkanu aus der
Murik-Lagune in Papua-Neuguinea: Eine Wiederentdeckung
einer Objektbiographie. Baessler-Archiv:
Beiträge zur Völkerkunde. Berlin: Reimer. Bd. 61, S.
59-78, 2014.
• Walravens, Hartmut: Die ehemalige Sammlung von
Porträts verdienter Offiziere der Feldzüge des Qianlong-
Kaisers(China, 18. Jahrhundert). Baessler-
Archiv, Bd. 61, 2013/14.
• Wang, Ching-Ling: Zur Ikonografie und Herkunft des
chinesischen Bildes Buddhapredigt (China , 18. Jh.)
aus dem Ethnologischen Museum. (Dissertation im
Druck).
Darüber hinaus werden voraussichtlich noch in diesem
Jahr folgende Veröffentlichungen erscheinen:
• Walravens, Hartmut: Die ehemalige Sammlung von
Porträts verdienter Offiziere der Feldzüge des Qianlong-
Kaisers (China, 18. Jahrhundert). Teil 2, Baessler-
Archiv, 2015.
• Walravens, Hartmut: Neuauflage der biobibliografischen
Skizze zu Herbert Mueller (darunter zur Ankaufsreise
für das Museum in China 1912).
• Wang, Ching-Ling: Aufgefundene Schätze : Drei
chinesische Thangkas im Ethnologischen Museum,
SMB-PK, Baessler-Archiv, 2015.
• Die Ergebnisse des Forschungsprojektes der Deutschen
Forschungsgemeinschaft (DFG) „Fiktion des
Originals. Praxis- und diskursanalytische Untersuchungen
zur Kunst Afrikas, Unterprojekt 2: Die
(In)Authentizität der „minkisi“ (Kongo). Translationen
und Musealisierung von Kraftobjekten in und aus
der Kontaktzone“, das in Kooperation mit der Freien
Universität Berlin durchgeführt wird, werden voraussichtlich
2018 veröffentlicht werden.

5. Befinden sich unter den bereits untersuchten Objekten
aus dem Herrschaftsgebiet des deutschen Kolonialreichs
Exponate, die von der SPK-SMB „kolonialen Unrechtskontexten“
zugeordnet wurden? Wenn ja, welche?

Zu 5.: Es wird darauf hingewiesen, dass es keine einheitliche
und abschließende Definition des „Unrechtskontextes“
gibt, insbesondere handelt es sich nicht um einen
Rechtsbegriff. Vielmehr muss das jeweilige Museum
klären, ob in einem bestimmten Fall von einem Unrechtskontext
bei der Entstehung oder bei dem Erwerb eines
Objektes auszugehen ist. Der Unrechtskontext, der aus
heutiger Sicht mit unethischem Erwerb gleichgesetzt
wird, ist bei jedem Objekt im Einzelfall zu prüfen. In den
Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin befinden
sich Objekte, die nach aktuellem Kenntnisstand auch in
solchen Kontexten erworben worden sein könnten. Dabei
wird nicht zwischen Objekten aus ehemaligen deutschen
Kolonien, Objekten aus dem Herrschaftsgebiet anderer
europäischer Kolonialmächte und Objekten aus unabhängigen
politischen Einheiten unterschieden. Da die Provenienzforschung
noch nicht abgeschlossen ist, kann eine
Liste der betreffenden Objekte derzeit nicht erstellt werden.
Zur Veröffentlichung der Forschungsergebnisse wird
auf die Antworten zu Frage 3. und 4. verwiesen.

6. Der Senat antwortete am 23. Juli 2013 (Drucksache
17/12360), „die Grundlagen“ der ca. 500.000 Kulturobjekte
umfassenden ethnologischen Sammlungen wären
zeitlich bzw. geografisch außerhalb der kolonialen
Fremdherrschaft durch das Deutsche Reich (1884-
1918/19) gelegt worden und „beruhten meistens auf Kauf,
Schenkung oder Tausch“. Kann der Senat Auskunft darüber
geben, auf welcher Grundlage er diese Einschätzung
vornimmt? Kann der Senat mittlerweile über die Ergebnisse
der bisherigen Provenienzrecherchen zu Objekten,
die nicht aus den ehemaligen deutschen Kolonien stammen,
Auskunft geben und eine erste Aufschlüsselung zu
den bereits untersuchten Objekten vorlegen? Wenn ja,
bitte vorlegen (wenn möglich mit Angaben (geschätzter)
Sachwert der Objekte, Herkunftsort, Zeitpunkt der Erwerbung
durch den Sammler und durch das Museum, Herkunftsgesellschaft
und Name des Sammlers); wenn nicht,
wann und wo werden die Ergebnisse der Provenienzrecherche
öffentlich gemacht?

Zu 6.: Die ersten erworbenen Bestände der ethnologischen
Sammlungen gehen auf das 17. Jahrhundert zurück
und lassen sich schon in der Kunstkammer des Großen
Kurfürsten nachweisen. Die Geschichte des Ethnologischen
Museums wurde veröffentlich in: Publikation
„Hundert Jahre Museum für Völkerkunde Berlin“, Baessler
Archiv NF Bd. 21, 1973.
Im Übrigen wird auf die Antworten zu Fragen 3. und
4. verwiesen.

7. Befinden sich unter den bereits untersuchten Objekten
aus dem Herrschaftsgebiet anderer europäischer
Kolonialmächte Exponate, die von der SPK-SMB „kolonialen
Unrechtskontexten“ zugeordnet werden? Wenn ja,
welche?

Zu 7.: Siehe Antwort zu Frage 3.

8. Der Senat hat am 4.3.2014 (Drucksache 17/13215)
geantwortet, dass er im Rahmen der Beantwortungszeit
für die Schriftliche Anfrage keine konkrete Auskunft über
die im Folgenden aufgeführten Objekte geben kann, welche
das Kampagnen-Bündnis „No Humboldt 21!“ auf
seiner Website als Beispiele für eine unrechtmäßige Aneignung
von heiligen Objekten/Ritualgegenständen innerhalb
und außerhalb des deutschen Kolonialreichs anführt.
Hat der Senat zur Provenienz dieser Objekte inzwischen
konkrete Auskunft erhalten können? Beurteilt er den
Erwerb folgender Objekte als rechtmäßig? Wenn ja, mit
welcher Begründung?
a) Thron Mandu Yenu des kamerunischen Herrschers
Ibrahim Njoya (II-Nr. III C 33341)
b) Zepter Difuma dia Dikongo des kongolesischen
Herrschers Katende (ID-Nr. III C 3207),
c) Schutzgott Makabu Buanga des kongolesischen
Herrschers Ischiehwu (ID-Nr. III C 3246)
d) Schutzgöttin Kihe Wahine aus Hawaai (ID – Nr.VI
8375)

Zu 8. a-d.: Die in der Frage aufgeführten Objekte werden
von der Initiative „No Humboldt 21“ nicht als Beispiele
für heilige Objekte/Ritualgegenstände angeführt,
sondern als „Objekte […], deren Erwerbsumstände sowohl
nach heutigem als auch nach damaligem Rechtsverständnis
nur als kriminell bezeichnet werden können.“
(http://www.no-humboldt21.de/information/preussischerkulturbesitz/#
juni2013, abgerufen am 14.07.2015).
Die Einzelfallprüfungen für die genannten vier Objekte
haben bisher zu folgenden Ergebnissen geführt:
a) Thron Mandu Yenu des kamerunischen Herrschers
Ibrahim Njoya (II-Nr. III C 33341):
1908 schenkte König Njoya von Bamum den Thron
„Mandu Yenu“ dem deutschen Kaiser Wilhelm II. Die
Verhältnisse zwischen dem Königreich Bamum und der
deutschen Kolonialregierung in Kamerun waren zu dieser
Zeit friedlich und freundlich. Der Thron ist seit seiner
Ankunft in Berlin in dem Museum für Völkerkunde (heute
Ethnologisches Museum) ausgestellt und seine Geschichte
und Bedeutung sind in wissenschaftlichen Arbeiten
untersucht und veröffentlicht worden (z.B. Christraud
M. Geary, „BamumTwo-Figure Thrones: Additional
Evidence“, African Arts Vol. 16, No. 4 (Aug. 1983), S.
46-53, 86-87; Aboubacar NjiasseNjoya, „The Mandu
Yienu in the Museum für Völkerkunde in Berlin,“ Baessler-
Archiv, N.F. Bd. 42 (1994), S. 1-24). 2008 wurde im
Zusammenhang mit einer Ausstellung zur Kunst Kameruns
in Zürich in der Presse berichtet, dass der jetzige
König von Bamum, Mbombo Njoya „keinen Zweifel
daran (liess), dass das Ethnologische Museum in Berlin
der rechtmäßige Eigentümer sei. Dies, obwohl das Stück
während der Kolonialzeit die Hand wechselte und die
Frage berechtigt ist, was überhaupt damals legal war.“
(„Zum Leben erweckte Museumstücke“, Tages-Anzeiger,
1. Februar 2008, S. 13; siehe auch „Ibrahim Mbombo
Njoya“, Neue Zürcher Zeitung, 2/3 Februar 2008, S. 62.).
Es liegt folglich auch kein Rückgabeersuchen vor.
b) Leopardenhäuptling (genannt „MakabuBuanga“),
männliche Figur (III C 3246), heutige Demokratische
Republik Kongo, Luluwa, Untergruppe BeenaBeele, erworben
1886:
Die Statue stammt aus dem Besitz des Sammlers
Ludwig Wolf, Teilnehmer an der von Hermann von
Wissmann von 1883-85 geleiteten Expedition nach Zentralafrika,
die im Auftrag des Königs Leopold von Belgien
und dessen Association Internationale Africaine/
Association internationale du Congo die Region des
Flusses Kasai erforschen und die Grundlagen für deren
Besetzung legen sollte.
Ursprünglicher Besitzer der Statue war nach Angaben
von Wolf „Tschiehwu“ (= Tshiweewe), Herrscher der
„BenamBehla“ (= BeenaBeele)-Untergruppe der Luluwa;
die Figur soll nach Mitteilung von Wolf „Makabu-
Buanga“ genannt worden und „der Schutzgott seines
[Tshiweewes] Hauses und seiner Ansiedlung“ gewesen
sein. Wolf zwang Tshiweewe, ihm das seltene Stück zu übergeben unter Androhung von Gefangennahme und
Bestrafung aufgrund „verräterischen“ Verhaltens ihm
gegenüber. Solche Figuren befanden sich nach heutigen
Erkenntnissen (Koloss 1999: 223-24) in Besitz der Elite
der Luluwa; als Teil des Kultes bwangabwabukalenga
bekräftigten sie die Autorität der Herrscher und garantierten
für das Wohlbefinden der Gemeinschaft.
Die Figur wurde zuerst in Hermann von Wissmanns
Reisebericht (1891: 265-66 und Tafel zu S. 265) und seit
Beginn des 20. Jahrhunderts in zahlreichen, auch internationalen
oder international rezipierten Werken veröffentlicht
(z.B. Ceys-sens, Rik, 2007: The ‚twisted lance‘ of
Chief Katende. Baessler-Archiv 55: 7-18.
Koloss, Hans-Joachim (Hg.), 1999: Afrika. Kunst und
Kultur. München: Prestel 1999; Wissmann, Herrmann
von (zusammen mit Ludwig Wolf, Curt von François,
Hans Müller), 1888/1891: Im Innern Afrikas. Die Erforschung
des Kassai während der Jahre 1883, 1884 und
1885. Leipzig: F.A. Brockhaus.
Auch für dieses Objekt liegt kein Rückgabeersuchen
vor.
c) Bogenhalter / „twistedlance“ (III C 3207); heutige
Demokratische Republik . Kongo, Luluwa, Untergruppe
Bakwa Mwanza; erworben 1886:
Das Objekt stammt aus dem Besitz des Forschers
Hermann von Wissmann, der 1883-85 eine Expedition
nach Zentralafrika leitete, die im Auftrag des Königs Leopold
von Belgien und dessen Association Internationale
Africaine/ Association internationale du Congodie die
Region des Flusses Kasai erforschen und die Grundlagen
für deren Besetzung legen sollte.
Ursprünglicher Besitzer des Objektes war Katende
(Titel) Kapanga, Oberhaupt der Bakwa Mwanza-
Untergruppe der heute als Luluwa bezeichneten Gruppe.
Katende Kapanga war verfeindet mit dem Hauptalliierten
von Wissmans in der Region, Kalamba Makenge, dem
Oberhaupt der Beena Kashiye, der aber die Herrschaft
über alle heute als Luluwa bekannten Gruppen anstrebte.
Auf Aufforderung von Kalamba Makenge begleitete
Wissmann und seine Karawane ihn und seine Alliierten in
einem Krieg gegen Katende Kapanga. Nach dem Sieg der
alliierten Truppen wurde Katende Kapanga gefangen
genommen und gezwungen, seine Herrschaftsinsignien
abzugeben, darunter den difumadyadikongo (= „twistedlance“),
der sich heute im Ethnologischen Museum befindet.
Das Objekt wurde lokal als wirkmächtig angesehen
und war mit konstituierend für die politische Macht des
Besitzers. Es ist allerdings inzwischen lokal umstritten, ob
der rechtmäßige Besitzer Katende Kapanga oder Kalamba
Makenge war.
Das Stück wurde in mehreren Reiseberichten von
Wissmann publiziert, ebenso in Werken aus dem 19.
Jahrhundert. Werke von Autoren aus dem Kongo aus
1974 und 2002 erwähnen es ebenfalls, und sein Verbleib
im Ethnolgischen Museum ist ihnen bekannt (z.B. Ceyssens,
Rik,2007: The ‚twisted lance‘ of Chief Katende.
Baessler-Archiv 55: 7-18); Koloss, Hans-Joachim (Hg.),
1999: Afrika. Kunst und Kultur. München: Prestel 1999;
Wissmann, Herrmann von (zusammen mit Ludwig Wolf,
Curt von François, Hans Müller), 1888/1891: Im Innern
Afrikas. Die Erforschung des Kassai während der Jahre
1883, 1884 und 1885. Leipzig: F.A. Brockhaus.
Der Bogenhalter ist nicht Gegenstand eines Rückgabeersuchens.
d) KiheWahine-Figur aus Hawaii (ID – Nr. VI 8375))
Erwerbung: I/77/1887:
Die Holzfigur wurde 1887 von dem Arzt und Sammler
Eduard Arning für das Museum für Völkerkunde erworben.
Aming wurde vom Königreich Hawai´i zur Erforschung
der Lepra-Krankheit beschäftigt. Die KiheWahine
wurde von einem mit Arning befreundeten englischen
Plantagenbesitzer und zwei Hawaiianern aus einer schwer
zugänglichen Höhle auf Hawaii geborgen. Es handelt sich
nicht um eine Grabhöhle. Hawaiianer versteckten dort
Objekte, unter anderem die KiheWahine. Hawaiianer
hatten sie zuvor aus der Höhle ins Dorf gebracht, aber
nachdem Krankheiten ausbrachen, wieder in die Höhle
zurückgelegt.
Arning hat die Figur mit Wissen und Einverständnis
des hawaiianischen Königs erworben, denn er erzählt in
seinem Vortrag am 11. Februar 1887, dass er sie dem
König Kalakaua zeigte und ihn nach weiteren Informationen
fragte. Zudem hat Arning sie in seinem Schauraum
der erworbenen Objekte aufgestellt, in den er Besucherinnen
und Besucher, darunter auch Hawaiianer, einlud.
Dass sich die Figur dort befand, zeigt auch eine Fotografie
von Arning, abgebildet in einer Publikation (Adrienne
L. Keppler, Markus Schindlbeck, Gisela E. Speidel, 2008:
Old Hawai’i. Berlin). Auch die Umstände der Erwerbung
wurden publiziert (Markus Schindlbeck, 2007: Expeditionen
in die Südsee. Berlin).
Dem damaligen hawaiianischen König war demzufolge
bekannt, dass Arning im Besitz der Figur war. Die
Phase der Erwerbung fällt zudem in einen Zeitraum, in
dem die hawaiianische Königsfamilie selbst Objekte
sammelte.
Zu dieser Figur liegt dem Ethnologischen Museum eine
Provenienzanfrage vor.

9. Welche Forschungsprojekte – insbesondere zur
Provenienzrecherche für heilige Objekte/Ritualgegenstände
und menschliche Gebeine – gibt es? Wie werden
diese gefördert? welche Förderung ist für die Zukunft
geplant?

Zu 9.: Es wird auf die Antwort zu Frage 1. verwiesen.

10. Welche Ressourcen stehen der SPK-SMB für die
Provenienzforschung zur Verfügung? Ist dies ausreichend,
um dem ICOM Code of Ethics gerecht zu werden?
Wie viele Stellen sind derzeit bei der SPK-SMB für den
Bereich Provenienzforschung vorgesehen? Ist eine systematische
Provenienzforschung bei der SPK-SMB damit
möglich? Bei wie vielen Objekten konnte seit 2010 die
Provenienz geklärt werden? (bitte Anzahl pro Jahr angeben)

Zu 10.: Zu den regulären Aufgaben des wissenschaftlichen
Personals der Stiftung Preußischer Kulturbesitz
gehört auch die Provenienzforschung in den jeweiligen
Bereichen. Ausschließlich mit Provenienzforschung befasste
Beschäftigte gibt es nur für befristete Sonderprojekte,
derzeit sind hierfür 7 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
beschäftigt. Soweit die Stiftung keine Drittmittel für Provenienzforschung
erhält (siehe Antwort zu Frage 1.), wird
das wissenschaftliche Personal aus dem laufenden Haushalt
der Stiftung bezahlt.
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz setzt bei der
Provenienzforschung verschiedene Schwerpunkte. In der
Vergangenheit stand insbesondere die Suche nach NSRaubkunst
im Fokus der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Im vergangenen Jahr wurden weitere Themenbereiche
als Schwerpunkte für die Provenienzforschung
festgelegt. Dabei handelt es sich um Erwerbungen
mit kolonialem Hintergrund, um sogenannte human
remains und um die Erwerbungsumstände der Antiken in
den Sammlungen der Einrichtungen der Stiftung. Die
Sammlungen des Museums für Vor- und Frühgeschichte,
das Ethnologische Museum sowie das Museum für Asiatische
Kunst sind in dem Kontext der Schriftlichen Anfrage
hervorzuheben, soweit sie einen kolonialen Hintergrund
haben oder haben könnten oder „human remains“
beinhalten. Vorrangig untersucht werden von den Dahlemer
Sammlungen die Bestände, die künftig im Humboldt-
Forum präsentiert werden sollen.

11. In früheren Antworten (Drucksache 17/12360) betonten
Sie, dass die Provenienzforschung „grundsätzlich
im Dialog mit den Herkunftsländern“ stattfindet. Wie ist
der Dialog mit Strukturen unterhalb der Nationalstaaten
ausgestaltet? Die heutigen Staaten basieren oft auf willkürlich
gezogenen Grenzen und die Interessen der Staaten
sind nicht unbedingt deckungsgleich mit den Interessen
verschiedener Bevölkerungsgruppen, die von der Provenienzforschung
betroffen sind. Wird dem Rechnung getragen?
Bitte schlüsseln Sie auf, mit welchen „source
communities“ die Provenienzforschung gemeinsam betrieben
wird und welche weiteren Kooperationsprojekte
hierzu geplant sind.

Zu 11.: Auch hierzu wird auf die „Grundpositionen
der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zum Umgang mit
ihren außereuropäischen Sammlungen und zur Erforschung
der Provenienzen“ (siehe Anlage) verwiesen:
„Der Austausch mit Vertretern der Herkunftsgesellschaften
ist ein dauernder und unabdingbarer Bestandteil
der Arbeit und des Selbstverständnisses der Kuratorinnen
und Kuratoren der SMB. Dabei gilt es, ins Gespräch zu
kommen, um die Bedeutung der Objekte für die Herkunftsgesellschaften
und deren Wissen darüber in die
Arbeit mit den Objekten nachhaltig einzubeziehen. Was
den Umgang mit den Objekten und deren Präsentation in
der Öffentlichkeit anbelangt, wird angestrebt, im offenen
Dialog Möglichkeiten zu diskutieren und gemeinsam
Lösungen zu entwickeln, die dauerhaft tragfähig sind.
Vorrangig werden Wege gesucht, diese Objekte in gegenseitigem
Einvernehmen weiterhin im wissenschaftlichen
Kreislauf und in einer der allgemeinen Öffentlichkeit
dienenden Weise zu belassen, wo sie zur allseitigen Erkenntnis
und Verständigung beitragen können.
Im Sinne des Shared Heritage wird besonders darauf
geachtet, dass die Deutungshoheit nicht einseitig von den
europäischen Wissenschaftlern vereinnahmt wird. Nicht
immer kann allerdings ein Dialog mit Mitgliedern der
Herkunftsgesellschaften zu einem für alle Seiten zufriedenstellendes
Ergebnis führen, was z.B. mit der Frage der
befugten Vertretung zusammenhängt. Hier gilt es, neue
Ideen und Modelle der Zusammenarbeit zu entwickeln.“
Das Konzept des Humboldtforums beabsichtigt die
Überwindung einseitig postkolonialer Vorstellungen, die
die Museen in der Nachfolge des Kolonialismus ansiedeln
und die nicht-europäische Welt nur als Opfer des Kolonialismus
konstruieren und gerade so die koloniale Fragmentierung
der Welt rekonstruieren. Dem Dialog mit den
Herkunftsgesellschaften kommt deshalb bei der Konzeption
des Humboldt-Forums eine besondere Bedeutung zu.
Diese Kooperation wird von der Stiftung Preußischer
Kulturbesitz als ein Prozess betrachtet und organisiert, der
nicht mit der Eröffnung 2019 enden wird. Im Hinblick auf
die Provenienzforschung arbeitet das Ethnologische Museum
zum Beispiel mit chinesischen, koreanischen und
sibirischen (jakutischen) Institutionen, mit Institutionen
aus Japan und der Mongolei/Burjatien sowie mit den
Ethnien der Kágaba (Kolumbien), den Huichol (Mexiko)
und der Naga Community (Indien) zusammen. Der Lienzo
Seler (Coixtlahuaca-Tal) ist noch bis 2017 Gegenstand
eines von Prof. Dr. König geleiteten Projektes im Exzellencecluster
TOPOI (Promotionsprojekt, Tagung in 2013;
https://www.topoi.org/event/15576/ u.a.m.).
Über das Anchorage Museum, das Arctic Studies Center
der Smithonian Institution sowie die University of
Fairbanks besteht eine langjährige Kooperation mit indigenen
Gruppen aus Alaska, konkret den Yup’ik, Inupiaq
und Dena’ina.
Im Juli 2014 hat am Ethnologische Museum in Zusammenarbeit
mit den Universitäten Bonn, Marburg und
der Freien Universität Berlin ein Workshop mit Vertreterinnen
und Vertretern indigener Kulturen aus Mitú, Departamento
Vaupés, Kolumbien, stattgefunden. Diese
Zusammenarbeit mit den Wanano und Desana soll weitergeführt
werden.

Vertreterinnen
und Vertretern der Kulturen, aus denen die
Sammlungen des Ethnologische Museums stammen, ist
das Projekt „Wissen teilen“ des Humboldt Lab Dahlem.
Hier steht die Kooperation mit der Universidad Nacional
Experimental del Tauca im Süden Venezuelas im Mittelpunkt.
An dieser einzigartigen Universität sind alle Studierenden
indigener Herkunft. Es wurde ein Wissensaustausch
initiiert, der in einer Diskussionsplattform münden
soll und als Teil des Ausstellungsmoduls „Amazonien“
im Humboldt-Forum gedacht ist. An dem Projekt sind
Vertreterinnen und Vertreter mehrerer Ethnien aus der
nordamazonischen Region Guayana wie z.B. den
Ye’kuana beteiligt. Als weiterer Kooperationspartner ist
die Universidade Federal de Roraima in Boa Vista, Brasilien,
für ein vergleichbares Projekt vorgesehen, mit der
auch bereits Kontakte bestehen.
Aufgrund von Beratungen und Beschlüssen im Kreise
der Konferenz der Direktorinnen und Direktoren europäischer
Völkerkundemuseen besteht eine Übereinkunft
darüber, dass eine Zusammenarbeit mit indigenen Gruppen
am effektivsten über lokale Museen erfolgen sollte,
da hier das beste Knowhow im Umgang mit der lokalen
Bevölkerung und ihren Objekten/Sammlungen vorhanden
ist. Auch solche Kooperationen versteht das Ethnologische
Museum als Zusammenarbeit mit indigenen Gruppen.
Für den Bereich China und den Kooperationen des
Museums für Asiatische Kunst ist festzustellen, dass
China seine Kultur in wichtigen Museen im Ausland
zeigen möchte und der offene und transparente Umgang
des Museums mit Sammlungsbeständen mit kritischen
Provenienzen hoch geschätzt wird. 250, zum großen Teil
sehr wertvolle Kunstwerke und Kunstgewerbe-Objekte
aus dem Palastmuseum Peking, die als Staatsgeschenk der
ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR)
übergeben wurden, befinden sich heute im Museum für
Asiatische Kunst.
Im Jahr 2010 wurde die Turfan-Sammlung von Vertreterinnen
und Vertretern der Staatlichen Museen zu
Berlin mit der chinesischen State Administration of Cultural
Heritage erörtert. Vize-Präsident Song Xinchao
betonte dass es keine Rückforderungen gäbe, die Sammlung
aber zusammen mit chinesischen Forscherinnen und
Forschern erforscht und publiziert werden solle. Ein offizielles
Memorandum of Understanding ist im Jahr 2011
zustande gekommen. Eine Wissenschaftlerin aus dem
Forschungsinstitut der Kizil-Höhlen (Tausend-Buddha-
Höhlen) forschte 2012/13 über 18 Monate in Berlin-
Dahlem. Das Projekt ist sehr erfolgreich und soll verlängert
werden.

12. Welche Auswirkungen hatte der Zweite Weltkrieg
auf den Erhalt von außereuropäischen Kulturgütern in
Berlin? Wie viele Objekte sind verloren oder zerstört
worden und liegen Fälle vor, in welchen 1939-1945 besonders
wertvolle außereuropäische Kulturgüter zerstört
wurden? Wenn ja, welche?

Zu 12.: Eine Gesamtliste der Verluste in Folge des
Zweiten Weltkrieges existiert nicht. Für den Sammlungsbestand
des Ethnologischen Museums wird von einem
Verlust von ca. 50.000 Objekten ausgegangen. Darunter
befinden sich weltbekannte Objekte wie z.B. die aztekische
Grünstein-Scheibe, die Alexander von Humboldt
von seiner Mexiko-Reise 1803/04 mit nach Berlin brachte.
Soweit möglich, werden die insgesamt ca. 500 000
Objekte, die sich im Ethnologischen Museum befinden, in
den nächsten Jahrzehnten in der Datenbank MuseumPlus
erfasst. Dabei gibt es allerdings nicht die Kategorie „besonders
wertvolle außereuropäische Kulturgüter“.
Für den Bereich der Sammlungen zur Asiatischen
Kunst ist bekannt, dass etwa 90 % des Vorkriegsbestandes
der Ostasiatischen Kunstsammlung als verloren oder
verschollen gilt. Für den Bereich der Kunstsammlungen
aus Süd-, Südost- und Zentralasien ist der Verlust deutlich
geringer, aber dennoch bedeutend. Konkrete Angaben zu
Art und Anzahl der Objekte sind wegen der fehlenden
Erfassung nicht möglich.
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist eine Einrichtung
des Bundes. Die Bundesregierung hat deshalb u.a.
am 05.01.2015 zur Rückgabe von Objekten aus ehemaligen
deutschen Kolonien Stellung genommen (Drs.
18/3711 des Deutschen Bundestages). Ich verweise im
Übrigen auf die Antwort zur Schriftlichen Anfrage Nr.
17/13 215.

Berlin, den 22. Juli 2015
Der Regierende Bürgermeister
In Vertretung
Björn Böhning
Chef der Senatskanzlei

 

Die gesamte Antwort des Senats mit Anhang steht Ihnen unten auf dieser Seite zum Download zur Verfügung.