Bericht der Veranstaltung

Fachtagung POSTKOLONIALISMUS - Postkolonialer Stadtspaziergang und Podiumsdiskussion

Am Montag, den 22.Juni 2015 lud ich als entwicklungspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen im Abgeordnetenhaus zu einer Podiumsdiskussion zum Thema Postkolonialismus ein. Ein vielfältig besetztes Podium diskutierte zu Fragen postkolonialer Erinnerung in Berlin.

Vorangegangen war ein postkolonialer Stadtspaziergang durch den Bezirk Mitte, der von Christian Kopp vom Verein Berlin Postkolonial geführt wurde. Hier wurde anhand von Orten, wie der Friedrichsgracht, dem Schokoladenhaus oder der M-Straße gezeigt, wo noch immer Spuren des Kolonialismus in Berlin zu finden sind und wie diese in den historischen Kontext eingeordnet werden können.

 

Die anschließende Diskussion im Abgeordnetenhaus von Berlin war mit über 60 Gästen gut besucht und bot auch dank eines interessierten und engagierten Publikums einen erfolgreichen Austausch. Neben der NGO-Perspektive und Sichtweisen aus der Wissenschaft wurden praktische Erfahrungen aus den Städten Hamburg und München als best-practice-Beispiele präsentiert.

So stellte Zara Pfeiffer das Konzept des Projekts „Decolonize München“ vor. Hervorzuheben ist hier vor allem die gelungene Kooperation des Bündnisses aus vielen Initiativen mit dem Stadtmuseum München, die zu einer gemeinsamen postkolonialen Ausstellung im Stadtmuseum führte. Die Ausstellung zeigte auf, dass viele Spuren in München bereits entdeckt wurden, jedoch noch nicht beseitigt oder kontextualisiert wurden.

Christa Goetsch (Bündnis 90/ Die Grünen), ehemalige Schulsenatorin aus Hamburg, wies auf die Notwendigkeit hin, auch die sozialwissenschaftliche Perspektive und den aktuellen Migrationskontext zu berücksichtigen. Es sei zudem wichtig, dass die Communities und die Zivilgesellschaft einbezogen werden. Diese verfügen über breite Expertise, die noch nicht genutzt werde. Auch Perspektiven für die Berliner Städtepartnerschaft mit Windhoek eröffnete sie. So hat Hamburg beispielsweise wissenschaftliche Austauschprogramme mit ihrer Partnerstadt Daressalam.

Dr. Noa Ha vom Center for Metropolitan Studies der TU brachte die stadtplanerische Sicht hinzu: Sie betonte, dass sich die Bedeutung städtischen Raums enorm verändert habe. Gerade weil Dekolonisierung ein komplexer Prozess sei, bedeutet das, dass die Verwaltung neue Herausforderungen und Aufgaben gegenüber stehe. Prinzipien der Inklusion wie zum Beispiel Empowerment und Antidiskriminierung müssten zu Prinzipien der Verwaltung werden und stets mitgedacht werden. Leider würden koloniale Verhältnisse noch immer reproduziert. Die Vergangenheit sei nicht vergangen, sondern noch immer existent. Das Thema Postkolonialismus muss auch in der Gegenwart im Zusammenhang zu aktuellen Fragen thematisiert werden. So spielt Postkolonialismus bei gegenwärtigen Themen, wie Rassismus, Migration oder bei der aktuellen Flüchtlingspolitik eine zentrale Rolle.

In der Diskussion wurde auch betont, dass die afrodeutsche Perspektive als dritte Perspektive neben der weißen Mehrheitsgesellschaft und den afrikanischen Gesellschaften von großer Bedeutung sei. Hier wäre ein Schritt getan, wenn mehr People of Color als Wissenschaftler*innen an Universitäten arbeiten würden. Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass der afrikanische Widerstand in den kolonialen Gebieten keine Erwähnung in der Geschichte des Kolonialismus findet und ignoriert wird.

Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland machte klar, dass es nicht nur um Straßenumbenennungen gehe, sondern um ein gesellschaftliches Umdenken und einen kulturellen Wandel. Das Humboldtforum in Berlin sei hier aus seiner Sicht ein Negativbeispiel. Auch die Diskussion um eine Umbenennung der M.-Straße in Berlin zeige, dass die Perspektive der Menschen, die diesen Straßennamen als diskriminierend empfinden, nicht beachtet werde.

Einen weiteren Beitrag aus der Wissenschaft lieferte Prof. Dr. Iman Attia. Die Professorin der Alice Salomon Hochschule stellte klar, dass der Kolonialismus im kulturellen Gedächtnis eine Rolle spiele und Kontinuitäten in der Geschichte bestünden. Die ehemaligen Kolonien und die Kolonisierenden haben durch die Vergangenheit sowohl eine gemeinsame als auch eine geteilte Geschichte. Die Strukturen offen zu legen und die Folgen heraus zu arbeiten ohne die Trennung zu vertiefen, das sei die schwierige Herausforderung, die bei einem Konzept für Berlin zu bedenken wäre. Insgesamt bestünden schon viele gute Ansätze in den Bezirken, wie beispielsweise im Wedding mit dem Projekt LEO. Die Aufgabe eines vereinenden Konzeptes für das Land Berlin liege daher auch immer darin, die dezentralen Projekte in den Bezirken zu unterstützen und auszubauen.

Prof. Attia formulierte das Ziel, eine Berliner Geschichte zu erzählen, in der vielfältige, vor allem verdrängte und vergessene Berliner Geschichten vereint sind. Denn auch diese Berliner Geschichten sind Teil einer Globalgeschichte. Dazu müssen Erinnerungsorte neu konstruiert oder aufgegriffen und weiterentwickelt werden.

All dies kann nur mit einem Gesamtkonzept postkolonialer Erinnerung für Berlin gelingen, so das Fazit aus der Diskussion. Hier liegt eine wichtige Aufgabe für die Politik in der nächsten Zeit. Die Politik ist verantwortlich dafür, Initiativen zu ergreifen, die Rahmenbedingungen zu schaffen und Ressourcen bereitzustellen.